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The Rest is Noise - Etappe 1, Schauspiel Essen

06. Nov. 2015

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Christoph Sebastian

Die musikalische Lesereise hat begonnen. In dämmriges Licht getaucht versetzen uns Wohnzimmersessel und –tische, Brezeln, Bier und Wein für den ersten Teil des Abends in das ästhetische Spannungsfeld zwischen Wien und München zur Jahrhundertwende. Auf der Bühne sitzen zwölf Mitglieder des Ensembles des Schauspiel Essen, um den Zeitgenossen, denen Alex Ross auf  seiner musikalischen Exkursion durch das Zeitgeschehen des 20. Jahrhunderts begegnet ist, ihre Stimme zu verleihen. „Das goldene Zeitalter“ markiert für den Autor von „The Rest is Noise“ einen Umbruch des kompositorischen Schaffens und ermöglicht damit neue Horizonte unserer Hörerfahrung. Als Vorreiter dieser neu erwachenden Epoche gelten die Komponisten Richard Strauss, der mit seiner Skandal-Oper Salome 1906 in Graz für Aufruhr sorgte sowie Gustav Mahler, der sich einerseits als sein Weggefährte, aber auch als dessen größter Konkurrent verstand.

„Strauss und ich graben von verschiedenen Seiten her in unsern Schachten desselben Bergs“, sagte Mahler einmal.
„Wir werden uns schon treffen.“

Im Dialog zwischen Richard Strauss (Thomas Büchel), Gustav Mahler (Jens Winterstein) und seiner Frau Alma (Janina Sachau) erfahren wir, wie die Pioniere der atonalen Musik regelrecht mit dem Feuer spielten - wurden ihre Werke vom Publikum zwar einerseits umjubelt, aber auch kritisch angesehen, mitunter sogar als „satanisch“ bezeichnet. Die Bochumer Symphoniker demonstrieren mit dem Streichsextett, das die letzte Oper von Strauss, Capriccio, einleitet, welch innovative Klangfarben im Laufe seiner musikalischen Karriere entstanden sind. Mahlers Gram über den unmittelbaren Erfolg seines Gegenspielers sowie die Erkenntnis, "vor seiner Zeit", mithin als "Unzeitgemäßer" geboren zu sein, bringt der Bariton Wiard Withold, begleitet von Sachiko Hara am Piano, mit dem Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ stimmungsvoll zum Ausdruck. Die Melancholie des Komponisten, der „jede Geräuschbelästigung von außen verabscheute“ (Alex Ross/Stephanie Schönfeld) wird im Raum spürbar und Ehrfurcht ergreift die Essener Zuschauer. Doch das eingespielte Ensemble weiß das Publikum stets wieder abzuholen. Im ironischen Ton zitiert Axel Holst Kaiser Franz Joseph, der sich über Mahlers neue Etikette an der Oper mokiert:

„Ist Musik denn eine so ernste Sache? Ich dachte immer,
sie soll die Menschen fröhlich machen.“

Tatsächlich, so sind sich die Protagonisten mit Alex Ross einig, stellten Komponisten wie Mahler und Schoenberg die Frage danach, ob die Stimme des Volkes gleich die Stimme Gottes sei und übertragen dies auf das Verhältnis zwischen den Künstlern auf der Bühne und dem Publikum. Stefan Diekmann zitiert Schoenberg:

„Wenn es Kunst ist, ist es nicht für alle;
und wenn es für alle ist, ist es keine Kunst.“

Die Rolle Claude Debussys, die für das musikalische Fin de Siècle keine unbedeutende war, wird auf herrliche Weise von Jan Pröhl verkörpert. Zum Abschluss des ersten Teils werden Auszüge aus seinem Streichquartett in g-Moll, op. 10 gespielt.

© Christoph Sebastian

Im zweiten Teil wird der „Tanz der Erde“ vorgestellt, Igor Strawinskys (Thomas Meczele) Sacre du Printemps steht im Fokus der Erzählungen.  Die Uraufführung am 29. Mai 1913 führte zu einer heftigen Welle der Empörung. Dissonante Dreiklänge, wahllose Akzente, keine Tonabfolge hört sich „richtig“ an. Das Essener Schauspielergespann (Ingrid Domann, Axel Holst, Thomas Büschel) redet und gestikuliert wild durcheinander, zitiert Presse und Kritiker („Wird es lange so bleiben?“), versucht, Ordnung im wilden, ursprünglich anmaßenden Rhythmus der ersten Takte von Le Sacre zu finden:

Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht
Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht
Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht
Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht

Ein Video zeigt das Re-Enactment der Uraufführung, mit dem aufmüpfigen Choreografen Waslaw Nijinsky (Philipp Noack). „Die Tänzerinnen zitterten, schüttelten sich, erschauerten, sie stampften, sie sprangen wüst und unbeherrscht, umkreisten die Bühne im wilden Reigen“ (Lynn Grafola, Balletthistorikerin). Aufruhr und Buhrufe im Paris 1913, Lachen und Schmunzeln gut 100 Jahre später in Essen. Die Musikexperten unter den Zuschauern nicken und applaudieren zustimmend, als seien sie selbst dabei gewesen, es kommen Verbundenheitsgefühle hoch, die von der revolutionären Kraft dieser neuen Klänge herrühren.

Nicht nur Strawinsky, sondern auch seine Zeitgenossen wie Béla Bartók und Leoš Janáček kamen zum Studieren und Komponieren in die großen Weltstädte. Großgeworden sind sie aber alle in kleinen Dörfern und Provinzen, wodurch ihre Musik stark von ursprünglichen und volkstümlichen Einflüssen geprägt ist. Wir kommen in den Genuss von drei der "44 Duos für Violine und Viola" des großen Béla Bartók (Rezo Tschchikwischwili), während der Rausch des Strawinsky-Intermezzos allmählich nachlässt. Auch Maurice Ravel reiht sich in den Reigen der  Komponisten ein, die ihre Herkunft aus ländlichen Gegenden in ihren Kompositionen verarbeiten. Er wendet sich allerdings vehement davon ab „durch den Park zu laufen und hier Klänge aufzunehmen“, und sieht vielmehr das Gegenwärtige, den Alltag als Inspirationsquelle, was sich in „Le Gibet“ widerspiegelt.

Mit dem Musikerkollektiv „Groupe des Six“ erhielt das Pariser Publikum, so Ross, „einen Vorgeschmack auf die wilden Zwanziger“, die sich vor allem auch durch die großen Jazzkompositionen aus Amerika auszeichneten. Als Sachiko Hara noch einmal zum Abschluss die Finger über die Tasten gleiten lässt und die wohlbekannten Klänge der Prémière Gymnopédie von Erik Satie an die Ohren der Zuhörer dringen, wird einmal deutlicher, dass der neue Geist der Moderne auch durch ein sich stetig erneuerndes Musikverständnis geprägt wurde.

Die zweite Etappe von „The Rest is Noise“ im Schlosstheater Moers widmet sich unsichtbaren amerikanischen Komponisten, der Netzestadt Berlin sowie Arnold Schoenberg und der Wiener Schule.

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