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Millionen! Millionen! Millionen!

23. Sep. 2015

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35 Gehirne, 8316 Umarmungen. Etliche Begegnungen von Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet mit und ohne internationale Wurzeln und asylsuchenden Jugendlichen aus aller Welt. Kein einziger moralischer Zeigefinger, kein Zurschautragen von Problembewusstsein, keine Sentimentalität, keine „Theaterpädagogik“, keine vordergründig politischen Diskurse. Dafür eine Diskokugel und zwei Screens, auf die projiziert wird, wie von der Bühne aus live Selfies gemacht, Fotos und Videos gezeigt, Geräusche und Songs abgespielt oder mithilfe der computereigenen Soundmachine gesampled werden. Es wird gerapped, gesungen, getanzt. Die Bühne von Konstantin Bock schließt mit einer Kuschelgruppe von Sitzsäcken und der Rückwand des weißgekachelten Raums im Essener PACT-Zollverein den Kreis zum Publikum und liefert gleichzeitig das emotionale Backup für jede*n aus der Gruppe, die/der sich im Laufe der Performance auf das kleine schwarze Podium im Vordergrund traut, um (s)eine Geschichte zu erzählen.

Beim Eintreten in den Raum werden wir Zuschauer wiederum von den Performern herzlich willkommen geheißen, die zum Teil selbst nicht wissen, ob sie selbst im Land bleiben können. Doch darum geht es erst einmal nicht in den kommenden anderthalb Stunden. Sondern um das Statement einer schlichten gesellschaftlichen Realität: Wir sind hier! Deal with it. Akzeptiere es. Wir haben eine Zukunft. Und wir haben die gleichen Krisen, Nöte, Freuden, Träume, Bedürfnisse, Sehnsuchtserlebnisse wie jeder junge und ältere und überhaupt jeder Mensch in diesem Land, auf diesem Planeten.

© Stephan Glagla

Darum funktioniert und berührt die Performance, die Mit Ohne Alles, das Nachwuchs-Produktionsbüro der Ruhrtriennale, unter der Regie von Jana Eiting, Jenna Winter und Darren O’Donnell von Mammalian Diving Reflex zusammen mit den Jugendlichen entwickelt haben: weil eben nicht von Flucht und Vertreibung, Intoleranz, Gender und Culture Clash, politischer wie finanzieller Instabilität und Zukunftsangst geredet wird. Sondern weil vor dem Hintergrund dieser mehr als präsenten Alltagsrealitäten die Jugendlichen mit bewundernswerter Sicherheit ihr Herz öffnen und dem, der hinschauen möchte, zeigen, wer sie sind, wenn man Etiketten wie Migrant oder Asylant, In- oder Ausländer, schwul oder hetero, Sikh, Christ, Atheist oder Moslem einfach kurz nicht beachtet: Menschen. Lachen und Weinen erlaubt. Einige Zitate:

„In my country people kill each other just for money and drugs.“

(„In meinem Land“ - gemeint ist Albanien - „töten die Menschen einander schon für Geld und Drogen.“)

„Wärst du lieber ein Mann oder eine Frau?“ – „Magst du Tiere?“

„I couldn’t sleep all night because Afghanistan’s feet were smelling so bad.“

(„Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil Afghanistans Füße so gestunken haben“)

Im geschützten Raum der Performance greift Ferienlagerfeeling um sich. Toleranz und Verständigung scheinen mit Humor und einer Prise Teenieromantik ganz einfach. Doch so geschützt, wie man es gerne hätte, ist der Kunstraum im Fall von „Millionen! Millionen! Millionen!“ nicht: Donald, einer der Performer, wurde während der Probenarbeit, einem Tag nach seinem 18. Geburtstag, ohne Vorwarnung in eine entfernte Asyleinrichtung gebracht, sodass lange nicht klar war, ob er weiter an dem Projekt teilnehmen kann. Genaueres zu Donalds Geschichte hier  … Bei der Premiere war Donald dabei. Wie es für ihn weitergeht, ist ungewiss.

Ist „Millionen! Millionen! Millionen!“ ein Projekt über Flüchtlingsproblematik und Integration? In Anbetracht des brandaktuellen Kontextes könnte man verleitet sein, das zu glauben. Aber es ist mindestens ebenso sehr ein Stück über das Lebendig-sein und -bleiben trotz aller Widrigkeiten, Konflikte und eventuell erlebter Traumata. So gesehen ist der Mut der jungen Menschen, auf der Bühne wie im Leben sie selbst zu sein, der eigentliche politische, potenziell revolutionäre Akt.

Nach der Premiere bei der Ruhrtriennale am 12. September wird die Aufführung in einigen Schulen im Ruhrgebiet zu sehen sein. Dem Projekt und allen seinen Teilnehmern viel Erfolg und TOI TOI TOI!

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