Skip to main content

Liebe. Trilogie meiner Familie I - Probennotiz 3: Ein Gespräch mit Luk Perceval

08. Aug. 2015

Title image

Ruhrtriennale

LUK: Was siehst du auf den Proben? Was siehst du auf der Bühne?

ANNE: Ich sehe Menschen, die an etwas glauben. Und ich meine das nicht in einem religiösen Sinn. Sondern sie glauben ganz einfach an ihre Existenz. Martine glaubt an Gott, Pascal an seine Wissenschaft. Das berührt mich. Ich nehme das als das massivste Problem überhaupt wahr, dass diese Gesellschaft, in der ich lebe, gar nicht ernsthaft an ihre eigene Existenz glaubt, sondern nur an Geld. Eine Gesellschaft ohne Glaube an sich selbst kann überhaupt nicht funktionieren. Das gefällt mir an diesen Menschen bei Zola, sie sind von diesem tödlichen Pragmatismus irgendwie frei, sie dealen halt so rum und suchen ihr Glück. Und sie suchen auch extrem nach Erklärungen, also jedenfalls ein Teil von ihnen, die suchen eigentlich die ganze Zeit nach Sinn. Das Tolle an Zola ist natürlich, dass er die Schere zwischen arm und reich auf diesen Mikrokosmos der Familie runter bricht. Die teilt sich dann in diese zwei Pole auf, und das finde ich extrem aktuell und sehr politisch, es ist der globale Grundkonflikt. Trotzdem sehe ich keine Familienaufstellung, ich sehe eine Gesellschaftsaufstellung.
Das ist vielleicht auch das Tolle an dem Epos. Und an der Romanbearbeitung. Dieses riesige Panorama. Diese Dimension.

LUK: Die Dimension entsteht ja auch durch einen bestimmten Fokus auf der Bühne. Wenn zum Beispiel das Kind da steht und auf die Erwachsenen guckt. Oder wenn Sebastian mit Maja tanzt, und es kriegt etwas Gruseliges. Plötzlich sieht man es durch eine bestimmte Brille.

ANNE: Am Anfang, als ich mich gefragt habe, wie inszenierst du eigentlich, wenn ich versucht habe, das für mich zu beschreiben, dann dachte ich, es ist immer so etwas wie ein Herstellen von kleinen existenziellen Situationen, eine nach der anderen. Und du arbeitest ja auch mit diesem Prinzip von Kamera, von Nahaufnahme und Distanz. Das fand ich am Anfang total irre, dass es eine existenzielle Situation ist, und dann die nächste, und dass sich dabei der Fokus dann so verschiebt, auf der Bühne. Und zur Atmosphäre muss ich auch noch etwas sagen: für mich bestehen diese Proben bisher aus zwei Dingen. Das eine ist das direkt Handwerkliche, die direkte Probenarbeit, das Inszenieren, das im Raum Suchen. Und das andere ist die Herstellung von Atmosphäre. Also von Probenatmosphäre, von einem kreativen Raum. Und den erlebe ich als sensationell entspannt und gleichzeitig hochkonzentriert und produktiv. Und das kann ich auch schlecht in irgendwelche Begriffe packen, das entzieht sich meiner Beschreibbarkeit, das ist Energie.

LUK: Zolas Form ist ja sehr altmodisch. Wie er beschreibt und überschreibt. Man könnte sagen, die literarische Form ist altmodisch. Aber was er beschreibt, wie er die Leute darstellt, und das wird noch toller in Germinal, und die überhaupt nicht schont, da zeigt er eigentlich eine große Liebe für seine Figuren. Gervaise ist nicht unbedingt eine ideale Mutter. Trotzdem zeigt er eine sehr große Liebe für sie. Und später auch in den anderen Romanen für die anderen Figuren.

ANNE: Das hat mich auch beim Roman fasziniert, Zola hat ja auch so eine Art Kamerablick. Als Schreiber. Guckt auf jedes Detail. Und er ist im guten wie im schlechten Sinn gnadenlos. Gnadenlos ehrlich. Und dadurch werden diese Figuren ja erst spannend. Und eine Sache wollte ich noch beschreiben. Das betrifft das Bühnenbild. Es ist ja ein Bühnenbild, das sich nicht verändert. Es steht da einfach. Aber es gibt dem ganzen so ein starkes Bild, dass darin gleich total viel möglich ist, oder fast alles möglich, weil es so aufgehoben ist in diesem Bild. In seiner Poesie. Und dadurch, wie du es nutzt, und wie die Spieler es nutzen, dadurch hat alles schon so einen Grad der Abstraktion. Und was bestimmt auch der Grund ist, warum ich da sitze, das ist, dass du ja auch einen sehr intuitiven, oder emotionalen Zugang hast zu den Dingen. Du hast ja nicht ein Konzept, und nach dem inszenierst du, sondern es funktioniert nach einem total direkten Prinzip von...

LUK: ...Lust. Lust zuzugucken.

ANNE: Ja, genau. Und noch was zu dem, was du beschrieben hast, mit der Liebe: das spürt man mittlerweile bei allen, und das ist auch der Unterschied zum Anfang der Probenzeit, dass diese Distanziertheit zu einer Figur, die da war, jetzt einfach verschwindet. Und das hat natürlich mit einer ganz großen Liebe zu tun. Auch der Spieler zu dem, was sie da tun. Und das betrifft ja dann auch mich als Zuschauer. Und was ja das Tolle ist an diesem Roman, es ist ja wirklich ein Epos. Ein Stück ist immer so begrenzt. Auch wenn man natürlich immer versucht mit einem Stück etwas Existenzielles zu erzählen, und ich das natürlich auch versuche, wenn ich ein Stück schreibe, aber es ist eben nie dieses Panorama. Und darin besteht für mich schon diese ganze Zola-Unternehmung, zu sagen: das ist ein Gesellschaftspanorama.

LUK: Ja, das ist anders als ein Stück. Schon allein wegen der Tatsache, dass man den gleichen Schauspielern so lang zuschaut. Man geht nicht ins Theater, um zu sagen, gut, jetzt ist es ein Abend von zwei Stunden, und dann am Ende verbeugen sie sich, und dann sehe ich diese Schauspieler irgendwann in drei Jahren wieder. Nein, man sieht dieselben Schauspieler, und dieselbe Familiengeschichte über drei Abende, oder über einen Tag, erzählt. Durch die Tatsache, dass ich eine längere Zeit, also lange, auf jemand gucken darf, entsteht eine Nähe, entsteht eine Intimität. Ein Verständnis. Und das ist auch ein Bedürfnis von mir, immer mehr die Schauspieler zu bitten: bleibt auf der Bühne. Geht nicht ab. Geht bitte nicht weg. Ich will dir zugucken. Auch wenn du einschläfst auf der Bühne, ich will dir zugucken. Weil in dem Moment, wo ich die Möglichkeit habe alle immer zu sehen, und das dann noch über eine so lange Zeit, entsteht für mich eine so große Nähe zum Theater, zur Figur, zu den Schauspielern, zu der Menschheit. Und das ist für mich eigentlich Theater.

 

 

Tickets