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Liebe. Trilogie meiner Familie 1 / Probennotiz 2 vom 21. Juni 2015

07. Jul. 2015

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Ruhrtriennale

Die Kinder in diesem Stück, die Kinder von Gervaise und Coupeau, sehen ihren Eltern dabei zu, wie sie in die Sucht und die Armut abstürzen. Sie sitzen einfach da und sehen zu, bis es für die Liebe überhaupt keinen Raum mehr gibt, nur für den Hunger.

Vor kurzem bin ich im Regionalexpress von Magdeburg nach Berlin gefahren, und dann stiegen eine Frau und ihrer Tochter zu, sie hatten einen Haufen Plastiktüten dabei und die Mutter war so betrunken, dass sie kaum noch laufen konnte. Irgendwie hatte die Tochter es geschafft, sie und die Plastiktüten an den Bahnhof, in den Zug und das obere Abteil reinzukriegen, wo ich auch saß, und wir waren nur getrennt durch den Gang. Die Mutter begann sofort in den Tüten zu kruschteln, in denen sich volle und leere Flaschen befanden, und Konserven und Kartoffelchips, und dabei gab sie die ganze Zeit Geräusche von sich, sie lachte, verschluckte sich, und dann heulte sie und jaulte auf, wie wenn man einer Hündin in den Bauch tritt, und dann lachte sie wieder, und heulte, sie war wie fremdgesteuert durch ihre Nerven, es hatte überhaupt nichts Menschliches, und das ging etwa eine Stunde so. Die Tochter redete fast überhaupt nicht. Sie war etwa 15. Sie reichte Taschentücher, richtete die Mutter auf, reichte ihr Bier, kommentarlos und routiniert und völlig normal. Irgendwann bekam die Mutter einen riesigen Hustenanfall, und die Tochter sagte, jetzt geht das mit dem Husten wieder los, dauernd verschluckst du dich, weil man eben nicht gleichzeitig trinken und reden kann, das geht eben einfach nicht und du versuchst es dauernd, und das geht immer daneben, und reichte ihr ein neues Taschentuch. Der Hustenkrampf der Mutter hörte überhaupt nicht mehr auf, ihr ganzer Körper schüttelte sich, und die Tochter saß ihr einfach gegenüber und bewegte sich nicht, keinen Millimeter, während die Mutter Rotz und Wasser spuckte, und man ihr in den Mund rein gucken konnte, ein Loch mit kaputten Zähnen, und alles an ihr schüttelte sich und die Tochter bewegte sich nicht und irgendwann sagte sie, du hast dir in die Hose gemacht. Quatsch, heulte die Mutter. Son Scheiß, hör auf. Und sie lachte wieder und hustete weiter, und irgendwann war der Hustenkrampf zu Ende. Doch, sagte die Tochter. Und die Mutter war plötzlich ganz still, nur so ein kleiner Haufen von einem Mensch, ohne jedes Geräusch. Und dann versuchte sie aufzustehen, sah die Tochter an, aber die Tochter sah einfach nur zurück und rührte keinen Finger mehr. Die Mutter brauchte etwa drei Anläufe, um auf die Beine zu kommen und dann wankte sie den Gang entlang, runter zum Klo. Und als die Mutter auf dem Klo verschwunden war, stocherte das Mädchen in ihrem Rucksack herum, holte einen Lippenstift raus und malte sich ihre Lippen damit an, und dann einen Deodorant und sprühte alles ein, sich, die Plastiktüten, die Sitze, und dann sah sie mich an, in ihrer Wolke aus billigem Parfum, und ihr Blick war absolut leer. Und ich wusste nicht, was ich tun sollte, mir war fast schlecht von diesem exhibitionistischen Elend. Und ich habe keinen Finger gerührt, und die anderen Leute im Zug auch nicht. Und als ich ausgestiegen bin, war die Mutter immer noch auf dem Klo, und ich war froh, dass ich aus dem Zug raus war und aus dieser düsteren Energie des Lebens.

Und seitdem muss ich auf den Proben bei Gervaise immer an diese Frau denken, und bei Nana an ihre Tochter. Der Unterschied ist, davon abgesehen, dass es Theater und eine künstliche Welt ist, dass ich den ganzen Verlauf des Absturzes sehe, und nicht nur das Ende davon, weil die Zeit im Stück unter ein Brennglas gelegt wird. Es kommt mir vor, als würde ich einem Vogel dabei zusehen, wie er in Zeitlupe gegen eine Scheibe knallt und sich dabei alle Knochen bricht. Aber der Absturz in 60 Minuten Echtzeit hat überhaupt keine Poesie, nur eine Brutalität. Und wir sind im 21. Jahrhundert und die Idee ist, Zolas Gesetz der Vererbung mit einem Sozialsystem entgegenzutreten, aber das ändert nichts an den kleinen sozialen Systemen, in denen wir uns ständig befinden, und das soziale System in diesem Regionalexpress war total behindert, ich war behindert und alle anderen auch, und da waren diese klaren Trennlinien, die bei Zola durch die Familie Rougon-Macquart laufen, und die überall sind in unserer Gesellschaft, wie viele Paralleluniversen, in einem einzigen Zugabteil. Und in diesem Regionalexpress gab es auch kein Skalpell des Schicksals, höchstens das Skalpell der Entfremdung. In der Momentaufnahme der Realität hat diese Gesellschaft keine Erzählung, sondern lauter zerstreute Partikel, die fröhlich oder nicht fröhlich in alle Richtungen fliegen.

Von Anne Habermehl

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