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Geisterbeschwörung bei den „Franzosen“ – Probenreport aus Warschau

10. Jul. 2015

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Vasco Boenisch

Fünf Monate. Allein diese Probendauer zeigt schon, welches Ausnahmeprojekt „Die Franzosen“ sind. Seit Februar haben die sechzehn Schauspieler, Tänzer und Musiker zusammen mit Regisseur Krzysztof Warlikowski und seinem Leitungsteam in Warschau geprobt. Üblich sind im Theater sechs bis acht Wochen. Aber wenn man sich von Marcel Prousts monumentalem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ inspirieren lässt, gelten andere Maßstäbe. Solche, wie sie nur in Zusammenarbeit mit einem Festival wie der Ruhrtriennale überhaupt zu realisieren sind.

Das also sind die letzten Probentage, ehe alle in die wohl verdienten Ferien gehen. Wenn sie zurückkehren, werden Bühnenbild, Kostüme, Licht- und Videoequipment bereits in Kisten und Container verstaut sein und abfahrbereit nach Gladbeck in die Maschinenhalle Zweckel, wo „Die Franzosen“ am 21. August ihre Weltpremiere feiern werden. Aber daran ist an diesem Sommertag in der polnischen Hauptstadt noch nicht zu denken.

In den Studios der Filmproduktion WFDIF wurde vier Monate lang geprobt. © Vasco Boenisch

Für die Proben hat das Nowy Teatr ein Filmstudio gemietet. Es liegt südlich der Innenstadt von Warschau im Stadtteil Sielce. Es ist eine Gegend, in die man als Tourist wahrscheinlich selten gelangt, eine wenig pittoreske Wohngegend. Man passiert einen Sportplatz, dann eine Kirche, und direkt daneben erstreckt sich, umgeben von einem weißen Zaun, das Filmgelände der Firma WFDIF.

Auf den Gängen im Inneren, die in ihrer Kargheit eher an eine Behörde erinnern, weisen Zettel mit Aufschrift „Hala Prób Nowy Teatr“ den Weg ins Filmstudio, das für so viele Wochen nun die Probebühne war. Das Theater musste vor allem aus zwei Gründen hierhin ausweichen. Zum einen wird das eigentliche Theatergebäude – eine ehemalige Industriehalle – gerade aufwändig restauriert und renoviert. Zum anderen ist das Bühnenbild, das Warlikowskis langjährige künstlerische Partnerin Małgorzata Szczęśniak entworfen hat, so ausladend, dass normale Probenräume hierfür nicht ausreichen. Selbst im Filmstudio kann der Bühnenaufbau noch nicht komplett ausgespielt werden. Erst in der langen Maschinenhalle Zweckel wird er voll zur Geltung kommen.

Ein flüchtiger Blick auf das Textbuch, in dem bis zum Schluss noch Änderungen vorgenommen werden können. © Vasco Boenisch

Am frühen Abend vor der Durchlaufprobe herrscht augenscheinlich entspannte Stimmung. Ein Hund läuft ungerührt zwischen den Schauspielern herum, die ihre Kostüme anlegen und sich die Mikrofon-Sender umbinden. Krzysztof Warlikowski arbeitet oft mit Mikroports, die seinen Schauspielern eine sehr intime Sprechweise ermöglichen und deren Stimmen zudem mit einem manchmal unheimlichen Hall erklingen lassen. „Die Franzosen“ auf den Spuren von Marcel Proust sind auch eine Reise ins Unbewusste und Unterbewusste unserer europäischen Kultur.

Warlikowski will mit dieser Produktion auch jene Geister heraufbeschwören, die vor rund einhundert Jahren zu der Zeit, da Prousts Roman spielt, vielleicht zu schnell verdrängt worden sind – auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, mit den gesellschaftlichen Umbrüchen, der heraufziehenden Industrialisierung und dem Ersten Weltkrieg, wie auch gesellschaftsfähigem Antisemitismus und Homophobie. Ohne bereits zu viel verraten zu wollen: Die Zuschauer dürfen von Warlikowski erwarten, dass er dieses Sittengemälde in eine sehr zeitgenössische Form bringt, in der die damaligen Konflikte überhaupt nicht überholt aussehen. Weil sie es nicht sind.

In diesen Kartons und Kisten lagern einige der Requisiten und des technischen Equipments. © Vasco Boenisch

Das darf man sich allerdings nicht vorstellen als platte oder agitatorische Aktualisierung. Vielmehr erzeugt diese Aufführung, das wird schon nach wenigen Minuten klar, eine sehr atmosphärische Welt, ja einen eigenen kunstvollen Kosmos, in den man zu den Figuren hinein gesogen wird, voller Bilder, Metaphern und Anspielungen – wie man es in dieser Form im deutschsprachigen Theater nicht sieht. Das ist die Warlikowski-Welt, die ihn so berühmt gemacht hat.

Der Regisseur selber sitzt auf einem kleinen Sofa auf der aufgebauten Tribüne. Er zieht an seiner E-Zigarette, die er rund um die Uhr bei sich hat. Aufmerksam folgt er der Durchlaufprobe, und wenn er in den Pausen mit seinen Darstellern oder Technikern spricht, dann sehr ruhig, leise. Warlikowski ist ein sehr sensibler Regisseur – und einer, der sich viele Gedanken darüber macht, wie er etwas am besten erzählen und zum Ausdruck bringen kann. Nichts hier geschieht zufällig. Alles ist genau und überlegt und abgeklopft. Immer wieder haben er und sein Dramaturg Piotr Gruszczyński die Textfassung überarbeitet, ergänzt, wieder gekürzt, neu geschliffen.

Solche Großprojekte wie „Die Franzosen“ sind auch für jemanden wie Warlikowski nur zu stemmen, wenn er sich auf ein Team aus Vertrauten verlassen kann. Bühnen- und Kostümbildnerin Małgorzata Szczęśniak und Dramaturg Piotr Gruszczyński gehören dazu, aber auch die Lichtdesignerin Felice Ross – und natürlich seine Schauspielerinnen und Schauspieler. Magdalena Cielecka ist eine von ihnen. Sie spielt die Herzogin Orianne de Guermantes, eine Ikone der Pariser Aristokratie und Salons, für die der Erzähler Marcel eine heimliche Leidenschaft hegt. Cielecka selbst ist auch ein großer Filmstar in Polen, doch seit fünfzehn Jahren arbeitet sie kontinuierlich mit Krzysztof Warlikowski zusammen. Eine flirrende Aura umgibt sie, wenn sie als bildschöne Orianne ihre wohl formulierten Sottisen loslässt.

Lichtdesignerin Felice Ross © Vasco Boenisch

Nach dem letzten Probendurchlauf in Warschau herrscht große Erschöpfung, aber auch Erleichterung. Magdalena Cielcecka hat ihr edles Designerkostüm gegen ihre privaten Jeans getauscht. Karolina Ochab, die Geschäftsführerin des Nowy Teatr, spendiert Wein und Obst. Es ist bereits nach Mitternacht, und gemeinsam steht das große Team im Hof hinter der Filmhalle und feiert ein bisschen das Spielzeitende und den Ferienbeginn. Warlikowski sitzt auf einer Holzbank, und kaum einer der Anwesenden glaubt, dass er sich in den kommenden Sommerwochen nicht noch einige Änderungen für die Inszenierung überlegen wird.

Wann kann solch ein Theaterabend „fertig“ sein!? Marcel Proust schrieb an seinem Roman bis zum letzten Augenblick, redigierte, ergänzte, änderte, verbesserte und war längst nicht fertig, als er mit Anfang fünfzig starb. Es ist das Alter, in dem auch Warlikowski jetzt ist, wie er auf den Proben mehrfach betonte. Seine „Franzosen“ – das wird auch eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Proust, dessen Leben und dessen Werk.

Vasco Boenisch

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