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10 Fragen an: Susanne Kennedy

01. Sep. 2015

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Julian Baumann

In der Mischanlage der Kokerei Zollverein zeigt Susanne Kennedy gemeinsam mit Bianca van der Schoot und Suzan Boogaerdt sowie dem Solistenensemble Kaleidoskop noch bis zum 6. September "Orfeo" in der Version eines installativen Opernparcours. Wir haben Susanne Kennedy zehn Fragen gestellt...

Ruhrtriennale: In „Orfeo“ wird die Eurydike gleich von mehreren Schauspielerinnen interpretiert und es wird hinterfragt, ob Eurydike überhaupt mit Orpheus zurück ins Leben kehren will. Können Sie etwas mehr zu dieser Interpretation sagen?

Susanne Kennedy: Wir hängen alle immer so unglaublich an unserem Leben und an dem unserer Nächsten. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass der Tod etwas anderes sein könnte als eine schreckliche Tragödie, die es um jeden Preis zu verhindern gilt. Orfeo kann den Tod seiner Geliebten nicht akzeptieren und folgt ihr bis in die Unterwelt. Es gibt also kein Loslassen, kein Gehenlassen, sondern ein Festklammern. Daher kann Eurydike auch nicht wirklich sterben, sondern bleibt in einer Art Vorhölle hängen. Orfeo macht eine Untote aus ihr. Erst durch den Blick zurück, der ja eigentlich das ultimative Nicht-Gehen-Lassen- Können zeigt, verlieren die beiden sich und können endlich leben bzw. sterben.Deshalb bezeichnen wir unsere Arbeit als eine Sterbeübung. Denn das letzte Loslassen müssen wir alle lernen.

© Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot: Orfeo, Foto: JU / Ruhrtriennale, 2015

RT: Inwieweit hat Sie die Mischanlage der Kokerei Zollverein als Ort inspiriert?

SK: Uns war von Anfang an klar, dass die „Orfeo“ ein Parcours sein sollte, da die Räume der Mischanlage an sich den Zuschauer bereits hindurch schleusen. Es geht von Raum zu Raum, somit macht Orfeo, und mit ihm das Publikum, eine Reise. Die Mischanlage ist eine Art Labyrinth, die Orfeos Umherirren in der Unterwelt plastisch zeigt. Eigentlich ist der Zuschauer Orfeo. Diese Räume haben etwas von einem Bunker und geben einem beinahe das Gefühl, dass man unter der Erde ist.

© Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot: Orfeo, Foto: JU / Ruhrtriennale, 2015

RT: Was erwartet den Zuschauer bei „Orfeo“?

SK: Die Räume, die wir gebaut haben, entsprechen denen eines Hauses, so eine Art amerikanisches Fertighaus mit Wohnzimmer, Küche, Hobbyraum etc. Diese Fertigmodule  sind wie Fremdkörper, wie Parasiten, die sich an diese meterhohen Industrieräume heften. Dahinter sieht man die meterhohen Betonwände der Mischanlage. Der Zuschauer wandert also durch eine Parallelwelt, eine Art Second Life. Mir war auch wichtig, dass der Zuschauer selbst ins Bild tritt, in 3D durch diese Parallelwelt umherwandelt und Teil des Bildes wird. Tatsächlich geht es ja auch um ihn und nicht um Orfeo oder Eurydike.

© Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot: Orfeo, Foto: JU / Ruhrtriennale, 2015

RT: 2013 wurden Sie von „Theater heute“ zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt. Hat sich seitdem etwas in der Wahrnehmung ihrer Arbeiten und von Ihnen als Person und Künstlerin verändert?

SK: Ich denke, dass meine Freiheit seitdem zugenommen hat. Die Freiheit, immer weiter das zu untersuchen, was man untersuchen will, ohne sich darum zu kümmern, ob Leute damit einverstanden sind oder nicht.

RT: Was inspiriert Sie? Woraus schöpfen Sie Ideen für ein neues Stück?

SK: Alles inspiriert mich, Straßenszenen, Kaufhäuser, Tarkowski, Ikea, Arbeit anderer Künstler…

RT: Wenn Sie auf Ihre bisherigen Regiearbeiten zurückblicken, was war ihr größter Erfolg?

SK: Vielleicht Fegefeuer in Ingolstadt, weil ich dort meine eigenen Ängste überwunden und meine (versteckten?) Fantasien umgesetzt habe.

© Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot: Orfeo, Foto: JU / Ruhrtriennale, 2015

RT: Für „Orfeo“ arbeiten Sie mit Bianca van der Schoot und Suzan Boogaerdt zusammen. Wie würden Sie sich als Team beschreiben?

SK: Wir sind noch mittendrin, ein Team zu werden. Wir arbeiten einfach, ohne dass wir irgendwelche „Regeln“ ausgemacht haben. Man fängt einfach an und schaut, wo es einen hintreibt. Die beiden können z. B. ewig an irgendwelchen Körperbewegungen arbeiten, da halte ich es schon nicht mehr aus. Dann gehe ich raus und beschäftige mich mit etwas anderem, mit Video oder mit Texten. Ich kann mich immer wieder gut aus der Detailarbeit ausklinken und dann wieder auf das Ganze schauen. Ich glaube, darin ergänzen wir uns ganz gut.

© Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot: Orfeo, Foto: JU / Ruhrtriennale, 2015

RT: Wie entspannen Sie sich nach einem langen Arbeitstag?

SK: Ich versuche, meine Arbeitstage eher kurz zu halten. Ich glaube nicht an dieses ewige Arbeiten.

RT: Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Johan Simons, mit dem Sie ja nun bereits an mehreren Projekten und an verschiedenen Orten zusammen gearbeitet haben?

SK: Johan Simons hat mich damals davon überzeugt, Fegefeuer in Ingolstadt auf eine große Bühne zu bringen. Er hat einfach gesagt: Mach das, du kannst das. Man braucht solche Menschen, die diesen Glauben an einen haben, die einem Vertrauen und eine große Freiheit schenken. Er hat mich auch einfach machen lassen. Das ist schon was sehr Besonderes in diesem oft so angstbesetzten Theaterbetrieb.

RT: Gibt es ein bestimmtes Werk, das Sie irgendwann gerne inszenieren möchten?

SK: Nein, so denke ich eher nicht. Ich warte immer ab, was sich ergibt.

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