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10 Fragen an: Eva Veronica Born

08. Jun. 2015

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Eva Veronica Born

Ruhrtriennale: Wusstest du immer schon, dass du Bühnenbildnerin werden möchtest? Wie bist du zu dieser Entscheidung gekommen?

Eva Veronika Born: Nein, das wusste ich nicht schon immer, obwohl ich mir heute nicht vorstellen könnte, etwas anderes zu tun. Es ist doch eher ein Weg, den jeder individuell für sich geht, ein Leben lang.

Ich wusste schon seit meiner Kindheit, dass ich das Theater lieber durch den Hintereingang betreten möchte. Diese Welt zwischen Kantinengeruch, Inspizientendurchsagen, Schminkspiegeln, Tape-Markierungen, großen, überall rumstehenden Kulissenteilen, verpackt auf riesigen Wägen - das alles hat mich total fasziniert, diese Rückseite und der Mechanismus, der hinter dem schicken Bild, dass man von vorne sieht,  steht. Nur hätte ich das damals niemals so formulieren können, als Bühnenbildnerin arbeiten zu wollen. Nach vielen Umwegen, landet man schließlich dort, wo man fühlt, genau richtig zu sein und das ist – in jeder Hinsicht – einfach fantastisch!

RT: Was gefällt dir an deiner Arbeit besonders gut?

EVB: Besonders mag ich die eigene, ganz persönliche Vorbereitung bevor es losgeht, das erstmal „ganz alleinige“ Nähren, die Gedanken, die einen selbst und ganz persönlich mit der Textgrundlage oder dem zu behandelnden Stoff verbinden. Danach öffnet man es ja wieder, aber im besten Fall schafft man es, das eigene Gefühl bis zum Ende in einem abstrakt funktionierenden Bühnenraum zu behalten. Und ich mag einfach die praktische Umsetzung danach, das Bauen, das Experimentieren, und den Punkt, ab dem alles zusammenläuft und viel mehr Menschen beteiligt sind. Dann „macht“ man endlich und das ist wunderbar! Wenn ich in der freien Szene arbeite, ist man ja meist auf sich allein gestellt. In einem größeren Theaterbetrieb sind es die unglaublich vielen Hände und Erfahrungen der Menschen, die die Bühne oder den Raum konkret entstehen lassen. Ich finde, es geht manchmal zu sehr unter, dass Theater doch eigentlich eine Kunstform ist, die von so unglaublich vielen Menschen gemacht wird und auch nur durch diese entstehen kann.

RT: Wie sieht ein normaler Arbeitstag für dich aus?

EVB: Aufstehen - meinen Sohn zur Kita bringen - Atelier - Spielplatz - Atelier bis in die Nacht…. und zwischendrin Tage mit 13 stündigen Zugfahrten oder dem Warten auf Flughäfen …

© Eva Veronica Born

RT: Was inspiriert dich? Woraus schöpfst du Ideen für deine Bühnenbilder?

EVB: Mich interessieren Prozesse oder Zustände und „Erscheinungsformen“ von Materialien, Dingen und den Elementen. Eine Situation auf der Bühne bleibt gleich, aber die Wirkung des Materials ist durch einen, ihm teils innewohnenden, Prozess verändert. Bis zu einem gewissen Punkt interessiere ich mich auch für diese Art der „Unkontrollierbarkeit“. Auf der Bühne, oder auch schon während des Probenprozesses davor, beruht und funktioniert alles auf Verabredungen, Struktur und Planung. Auch die Bühnenbilder verändern sich über steuerbare Maschinerie und Technik, sodass es manchmal schwierig erscheint diese „Unkontrollierbarkeit darin einzubinden.

Das jeweilige Material, nach dem ich meist sehr lange suche, entspricht damit in keiner Weise einem „kontrollierbaren“, in Auf-und Abbauzeit systematisch funktionierendem Bühnenbild, sondern es bleibt eigentlich oft eine große Frage, ob es zu dem vereinbarten Zeitpunkt seine vereinbarte Rolle übernimmt. Der Umgang mit der eigenen Kraft eines Materials, die von innen oder außen kommt, ist für mich momentan eine Art, mich mit dem Begriff des „Bühnenraums“ im Theater auseinander zu setzen.

Meist sind es „nur“ simple und erklärbare physikalische Prozesse. Es ist ein naturgegebenes Wissen um ihre Veränderung. Es ist der Moment dazwischen.

So z. B. das Element Wasser in seinen drei Aggregatzuständen, zu denen ich drei Bühnenbilder für drei Inszenierungen von Johan Simons in München gemacht habe. Zuerst ging es um das Wasser in flüssiger Form. Dieser Regen löste den Raum  in der „Sarah Kane“ Inszenierung, der aus einem speziellen Papier gebaut war, auf und ließ nichts mehr übrig. Oder das gefrorene Eis, eine aus grobkörnigen Diamanten bestehende, eiskalte und feindliche Spielfläche. Für Elfriede Jelineks  „Die Straße, die Stadt, der Überfall“, ein Text über die Maximilianstrasse, die Luxusmeile Münchens, schmolz das Eis zur schwarzen und nassen Spiegelfläche für die Schauspieler. Und eben eine Wolke, die aus Wasserdampf langsam über den Köpfen der Schauspieler entstand und über der Inszenierung von „Dantons Tod“ schwebte.

© Eva Veronica Born

RT: Auf welche Arbeit bist du besonders stolz?

EVB: Ich glaube am meisten freue ich mich über die Arbeiten, in denen man es geschafft hat, die Abstraktion für das Persönliche zu finden. Das ist für den Betrachter natürlich nicht unbedingt sichtbar, aber es gibt Arbeiten, bei denen das eigene, tiefste Innere da auf der Bühne liegt.

Glücklich machen mich aber vor allem die kleinen Momente im Theater, wenn im Prozess Begeisterung entsteht, ob mit den Schauspielern in den Proben oder auch mit der Technik bei der Umsetzung. Die niemals endenden Proben, die in wunderbare gemeinsame Gespräche führen, die selbst bis in die Nacht in die U-Bahn reichen; der eine oder andere Herr der Technik ist, der seinen freien Samstagabend mit mir in der Werkstatt verbringt „weil wir doch fertig werden wollen, Eva“; oder ein Zuschauer, der im Anschluss an ein Publikumsgesprächs nach einem Gastspiel in Berlin zu mir sagte, dass er sich wünsche, der Regen würde niemals enden ...

Das sind für mich wunderbare Momente, in denen Theater einfach das tollste gemeinsame Arbeiten bedeuten kann und an denen man glücklich ist, hier und nirgendwo anders zu sein!

© Eva Veronica Born

RT: Mit wem würdest du gerne einmal zusammenarbeiten?

EVB: Mit einem richtig tollen Koch!

RT: Gibt es jemanden den du bewunderst?

EVB: Ich bewundere die Natur – es ist alles großartig in einer Schönheit und Funktionalität erschaffen, bis ins kleinste Detail perfekt. Das denke ich, ehrlich gesagt, bei allen möglichen Dingen.Angefangen von  z.B. den einzelnen Stücken einer Mandarine, über das Funktionieren von Lebewesenbis hin zur Einzigartigkeit und Funktionalität jedes Gewächses…. Da ist menschlicher Ideenreichtum und seine Bestrebungen doch eigentlich nicht wirklich nennenswert. Das ist aber auch ein sehr befreiendes Gefühl.

RT: Für die Ruhrtriennale gestaltest du in der Kraftzentrale des Landschaftspark Duisburg-Nord die Bühne für “Prometeo“. Was bedeutet dieser Ort für dich?

EVB: Abgesehen von der vielzitierten, aber für mich auch absolut zutreffenden Ausstrahlung und Kraft dieser „vergangenen Orte“ des Ruhrgebiets, die Kraft und Brutalität, die heute noch dem Betrachter von früheren Tagen erzählen, bedeutet der ganz konkrete Ort „Duisburg“ sehr, sehr viel für mich. Er ist für mich mit dem Wort „Erinnerungen“ verbunden. Die Erinnerung an Utopien, die Kraft von Menschen, das Suchen, der Lebensweg und der Tod – alles sehr viel Persönliches, aber alles auch sehr viel, was für „Prometeo“ an diesem Ort eine Bedeutung hat.

© Eva Veronica Born

RT: Stellt dich die Größe der Kraftzentrale, diese endlose lange Halle vor Herausforderungen?

EVB: Absolut – aber es ist ein fantastischer Ort! Darüber hinaus ist es die Aufgabe, einen Opernraum für ein Werk mit so präzise funktionierendem und wechselseitigem Klangkonzept wie „Prometeo“ zu gestalten. Ich bin sehr glücklich mit dieser Aufgabe. Und auch dankbar über die Erfahrungen und das Annähern und Lernen über diese, mir zunächst doch sehr fremde Thematik. Die Zusammenarbeit mit André Richard, der für das Klangkonzept verantwortlich ist, war unglaublich bereichernd und ich danke ihm für viele lange Gespräche zwischen der Schweiz und Berlin im letzten Jahr. Es war für mich neu, weil die Parameter so anders definiert sind. Die Idee eines Raumes, der aufgrund von sehr feinen klanglichen Gegebenheiten funktioniert, hat für mich eine sehr fremde, aber eine unglaublich spannende und neue Welt aufgemacht.

RT: Wie würdest du dich selbst beschreiben?

EVB: Rastlos. Ich suche oft und weiß noch nicht einmal, wo ich überhaupt anfange zu suchen oder wie etwas, wonach ich suche, heißen könnte. Und ich freue mich, so paradox sich das anhört, über Umwege oder auch manche Krisen, weil sie einen irgendwie „zurück“ oder auch „woanders“ hin bringen. Und gemütlich bin ich auch. Nichts gibt mir mehr Ruhe und Glück als lange Abende mit meinem Freund und unserem Sohn in der Küche!

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