20 Jahre Ruhrtriennale

Was bleibt, was war wichtig und was aufregend?

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Ruhrtriennale stellt die Dramaturgin Dorothea Neweling, die von 2002 bis 2017 für das Festival gearbeitet hat, hier im Auftrag der Ruhrtriennale einen persönlichen Rückblick zusammen.

Diese Retrospektive wird bis Ende 2022 regelmäßig erweitert. Tauchen Sie mit uns ein in die vielfältigen Erinnerungen der einzelnen Festivaljahre!

2002

Die industriellen Hinterlassenschaften im Ruhrgebiet aus den großen Zeiten des Bergbaus und der Stahlindustrie sind immens. Von 1989 bis 1999 hat die Internationale Bauausstellung IBA Emscher Park Zechen, Kraftzentralen, Waschkauen, Kokereien, Gebläse- und Maschinenhallen, Halden und Brachen sichtbar, zugänglich und nutzbar gemacht. Das Potential zum Wandel dieser Orte war freigelegt. Auf Initiative der Landesregierung wird die Ruhrtriennale gegründet: Ein Festival mit ebenso regionaler wie internationaler Ausstrahlung soll in den nun sogenannten »Industriespielstätten« jährlich im Sommer stattfinden. Am 31. August 2002 findet die Eröffnung der ersten Ausgabe der Ruhrtriennale unter künstlerischer Leitung von Gerard Mortier statt.

Mit einhundert Eisenbahnschwellen verleiht Agustín Ibarolla der Halde Haniel einen eigenen Rhythmus und einen Hauch von Poesie. In dieser ersten Installation steckt schon viel von der Idee und der Gestalt der Ruhrtriennale des Gründungsintendanten Gerard Mortier: Die Belebung der ehemaligen Industriestandorte des Ruhrgebiets mit ebenso politischer wie poetischer Kunst durch internationale Künstlerinnen und Künstler.

In Bottrop fordert Peter Sellars mit seiner Deutung der Children of Herakles eine Diskussion über Asyl und Immigration ein, in Duisburg kommt die Winterreise in einem Boxring zur Aufführung und Hanns Eislers Hollywood Elegien werden in der Salzfabrik auf Zollverein zu einem originären Erlebnis durch den Punkmusiker Schorsch Kamerun.

Agustín Ibarolla: »Totems« auf der Halde Haniel in Bottrop.
Agustín Ibarolla: »Totems« auf der Halde Haniel in Bottrop. | © Michael Kneffel
Peter Sellars: »The Children of Herakles«, Lichthof Bottrop, 2002
Peter Sellars: »The Children of Herakles«, Lichthof Bottrop, 2002 | © Ruth Walz
Oliver Herrmann: »Winterreise«, Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord, 2002
Oliver Herrmann: »Winterreise«, Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord, 2002 | © Manfred Vollmer
Schorsch Kamerun: »Hollywood Elegien«, Salzfabrik der Kokerei Zollverein Essen, 2002
Schorsch Kamerun: »Hollywood Elegien«, Salzfabrik der Kokerei Zollverein Essen, 2002 | © Mara Eggert

2003

Engel beschwören 2003 – der zweiten Saison der Ruhrtriennale von Gerard Mortier – die utopische Kraft und das humanistische Potenzial von Theater, Oper, Tanz und Kunst. Da sind zum Beispiel Olivier Messiaens Saint François D`Assise vor der großen Kathedralenkuppel von Ilija Kabakov in der Jahrhunderthalle Bochum und die 8-stündige Aufführung von Der seidene Schuh. Es entfaltet sich viel spirituelle Kraft in diesem zweiten Programm. Mit den Kreationen entsteht eine neue Kunstform aus Theater, Musik und Tanz. Zu den prägendsten Kreationen der Mortier-Jahre gehören Wolf in der Kraftzentrale Duisburg und Sentimenti in der Jahrhunderthalle Bochum. Mit dieser Geschichte einer Bergarbeiterfamilie verbindet sich das Festival explizit mit der Arbeitshistorie der Region. Mit der Konzertreihe Century of Song tritt das Festival den Beweis an, dass auch populäre Musik in dieses neue Festival gehört. Denn in unser aller Biografien und in die Geschichte des 20. Jahrhunderts haben sich Pop Songs fest eingeschrieben – und über viele Festivaljahre hin auch in die Geschichte der Ruhrtriennale.

Olivier Messiaen / Ilya Kabakov / Sylvain Cambreling: »Saint François D`Assise«, Jahrhunderthalle Bochum, 2003
Olivier Messiaen / Ilya Kabakov / Sylvain Cambreling: »Saint François D`Assise«, Jahrhunderthalle Bochum, 2003 | © Michael Kneffel
Paul Claudel / Stefan Bachmann »Der seidene Schuh«, Jahrhunderthalle Bochum, 2003
Paul Claudel / Stefan Bachmann »Der seidene Schuh«, Jahrhunderthalle Bochum, 2003 | © Sebastian Hoppe
Alain Platel: »Wolf«, Kraftzentrale Landschaftspark Duisburg-Nord, 2003
Alain Platel: »Wolf«, Kraftzentrale Landschaftspark Duisburg-Nord, 2003 | © Ursula Kaufmann
Johan Simons: »Sentimenti«, Jahrhunderthalle Bochum, 2003
Johan Simons: »Sentimenti«, Jahrhunderthalle Bochum, 2003 | © Ursula Kaufmann
»Century of Song« mit Suzanne Vega, Bill Frisell & Friends, Gießhalle Landschaftspark Duisburg-Nord, 2003
»Century of Song« mit Suzanne Vega, Bill Frisell & Friends, Gießhalle Landschaftspark Duisburg-Nord, 2003 | © Andreas Mader

2004

»Die Wiedererrichtung des Himmels« – so lautet 2004 der Titel der neuen Literaturreihe und so steht es als Leitmotiv über der Saison 2004. Die Programmbroschüre zeigt dazu unveröffentlichte Bilder aus dem Wolkenatlas von Gerhard Richter: Wolken, Himmel, ein offener Raum, voller Utopien. Dazu passt Peter Brooks »Tierno Bokar«, etwas, das mehr einer Meditation über den Umgang mit Gewalt gleicht als einer klassischen Theateraufführung. Dazu passen auf ganz andere Weise die aufwühlenden Szenen, die Ariane Mnouchkine in »Le dernier Caravansérail« findet – sie sind 20 Jahre später mehr als aktuell.

Mit der »Jungen Triennale« entsteht schließlich ein Programm eigens für Kinder und Jugendliche. Kooperationen mit der freien Szene werden im Sonderprogramm »Raum.Pfad« geknüpft. Zum Ende verabschiedet sich Mortier, der aus Salzburg ins Ruhrgebiet kam, mit einer fulminanten Aufführung von »La Damnation de Faust« an die Opéra in Paris. Er lässt uns aber bald darauf wissen: »À la Ruhr war es am schönsten!«. 

Peter Brook: »Tierno Bokar«, Gebläsehalle Landschaftfspark Duisburg-Nord, 2004
Peter Brook: »Tierno Bokar«, Gebläsehalle Landschaftfspark Duisburg-Nord, 2004 | © Ursula Kaufmann
Ariane Mnouchkine: »Le dernier Caravansérail«, Jahrhunderthalle Bochum, 2004
Ariane Mnouchkine: »Le dernier Caravansérail«, Jahrhunderthalle Bochum, 2004 | © Wolfgang Silveri
Junge Triennale: »Irrfahrten über Tage«, Kokerei Zollverein, 2004
Junge Triennale: »Irrfahrten über Tage«, Kokerei Zollverein, 2004 | © Wolfgang Silveri
Raum.Pfad: »Der Mann von oben«, SWB Hochaus Mülheim, 2004
Raum.Pfad: »Der Mann von oben«, SWB Hochaus Mülheim, 2004 | © Ursula Kaufmann
La Fura dels Baus: »La Damnation de Faust«, 2004, Jahrhunderthalle Bochum
La Fura dels Baus: »La Damnation de Faust«, 2004, Jahrhunderthalle Bochum | © Ursula Kaufmann

2005

Eine Ruhrtriennale-Intendanz dauert drei Jahre. Schon der ersten Ausgabe gegenüber zeigen sich die Zuschauer:innen aus dem Ruhrgebiet sehr aufgeschlossen. Offen für Unbekanntes und frei in ihrer Wahrnehmung probieren sie aus und machen Verrücktheiten mit. In diesem Sinne wird 2005 auch der Wechsel zum zweiten Intendanten von Neugierde begleitet. Berufen ist der deutsche Regisseur und Theatermacher Jürgen Flimm.

Flimm und sein Team gehen mit ihrem Programm über drei Jahre kultur- und geistesgeschichtlich rückwärts: Romantik – Barock – Mittelalter. Damit gibt das Festival sich und den eingeladenen Künstler:innen ein Thema auf.

Die erste Saison steht im Zeichen der deutschen Romantik und Verbindungslinien zur Frühzeit der Industrialisierung im Ruhrgebiet werden erkennbar. »Nächte unter Tage« von Andrea Breth und Christian Boltanski in der Mischanlage der Kokerei Zollverein ist ein Erforschen von unbekannter Tiefe, ein Begehen von Abgründen und wie ein zeitloses Schweben ohne romantische Verklärung. In Gladbeck inszeniert Alvis Hermanis Sorokins »Das Eis«. Auch dies eine Art suchendes Stationentheater. Zur »Schule der Romantik« kommen nach Bochum: Patti Smith (die natürlich auch ein Konzert gibt), Michel Houellebecq, Olga Neuwirth und Haroun Farocki. Eine überbordende und lustvolle Hommage an den Alpinismus – dessen Beginn mit der Romantik zusammenfällt – erfinden Sven-Eric Bechtolf und Franui mit »Steine und Herzen« für die Kraftzentrale in Duisburg. Von schöner Leichtigkeit und feinsinnigem Humor ist auch die Musiktheater-Kreation »Das Trojanische Boot« der Musikbande Mnozil Brass.

Andrea Breth und Christian Boltanski: »Nächte unter Tage«, Kokerei Zollverein Essen, 2005
Andrea Breth und Christian Boltanski: »Nächte unter Tage«, Kokerei Zollverein Essen, 2005 | © Bernd Uhlig
Alvis Hermanis »Das Eis«, Maschinenhalle Zeche Zweckel Gladbeck, 2005
Alvis Hermanis »Das Eis«, Maschinenhalle Zeche Zweckel Gladbeck, 2005 | © Ursula Kaufmann
»Schule der Romantik« mit Patti Smith, Jahrhunderthalle Bochum, 2005
»Schule der Romantik« mit Patti Smith, Jahrhunderthalle Bochum, 2005 | © Christoph Sebastian
Sven Eric Bechtolf: »Steine und Herzen«, Kraftzentrale Landschaftspark Duisburg-Nord, 2005
Sven Eric Bechtolf: »Steine und Herzen«, Kraftzentrale Landschaftspark Duisburg-Nord, 2005 | © Clemens Sippel
Mnozil Brass: »Das Trojanische Boot«, Jahrhunderthalle Bochum, 2005
Mnozil Brass: »Das Trojanische Boot«, Jahrhunderthalle Bochum, 2005 | © Ursula Kaufmann

2006

Von Beginn an wird die Ruhrtriennale finanziell durch Freunde, Stiftungen, Initiativen und Förderer großzügig unterstützt. Ein großes Engagement, das zu einer raschen Verankerung des Festivals in der regionalen, nationalen und europäischen Kulturlandschaft beiträgt.

Die Themensetzungen Romantik – Barock – Mittelalter für die Jahre 2005-2007 sind kein Gedächtnisakt und kein Vorgang des Bewahrens – die Suche nach Reibung und Gegenwartstauglichkeit macht die Verknüpfungen interessant. Nach der Romantik rückt 2006 der Barock in den Fokus. Den Anfang machen Johan Simons und Peter Vermeersch mit »Das Leben ein Traum« von 1653, das in Gladbeck als ein surreales Märchen stattfindet, in dem der Mensch in seine eigene Geschichte eingreifen kann. Die Partitur der Marienvesper von Monteverdi dient Alain Platel in »VSPRS« als Ausgangspunkt für eine Performance über Kontrolle und Verlust. Mit dem Barockgarten an der Jahrhunderthalle Bochum kommt (endlich) etwas Grün auf den Vorplatz – temporär erdacht stehen die Pappeln bis heute! »Rubens und das nichteuklidische Weib« lautet der auch nach Erleben der Aufführung rätselhaft bleibende Titel von Christian Stückls Inszenierung in der Duisburger Kraftzentrale. Bleibenden Eindruck davon hinterlassen haben die Tableaux vivants der Gemälde des übrigens in Oberhausen geborenen Peter Paul Rubens. Die vielleicht größte Anstrengung überhaupt unternimmt das Festival 2006 mit der Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns »Die Soldaten«. Eine 130 Meter lange Szenenfläche, auf Schienen fahrende Tribünen, 22 Solist:innen, allein das Schlagwerk füllt schon einen Orchestergraben... 2008 wurde die Produktion zum Lincoln Center Festival in der Armory Hall New York eingeladen – und ist heute noch als DVD-Aufzeichnung zu erleben.

Pedro Calderón / Johan Simons / Peter Vermeersch: »Das Leben ein Traum«, Maschinenhalle Zweckel Gladbeck, 2006
Pedro Calderón / Johan Simons / Peter Vermeersch: »Das Leben ein Traum«, Maschinenhalle Zweckel Gladbeck, 2006 | © Ursula Kaufmann
Alain Platel: »VSPRS«, Jahrhunderthalle Bochum, 2006
Alain Platel: »VSPRS«, Jahrhunderthalle Bochum, 2006 | © Ursula Kaufmann
Eröffnung des Barockgartens, Jahrhunderthalle Bochum, 2006
Eröffnung des Barockgartens, Jahrhunderthalle Bochum, 2006 | © Olaf Ziegler
Péter Esterházy / Philipp Stölzl: »Rubens und das nichteuklidische Weib«, Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord, 2006
Péter Esterházy / Philipp Stölzl: »Rubens und das nichteuklidische Weib«, Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord, 2006 | © Matthias Baus
Bernd Alois Zimmermann / David Pountney / Steven Sloane: »Die Soldaten«, Jahrhunderthalle Bochum, 2006
Bernd Alois Zimmermann / David Pountney / Steven Sloane: »Die Soldaten«, Jahrhunderthalle Bochum, 2006 | © Michael Kneffel

2007

Das Mittelalter ist der Schwerpunkt für das dritte Jahr der Intendanz Jürgen Flimm. Unabhängig von thematischen Überlegungen sind dabei die Konzerte der Reihe »Century of Song«. Als fester Bestandteil des Programms – seit 2002 kuratiert von Chefdramaturg Thomas Wördehoff – finden sie stets unter einem opulenten Kronleuchter statt. Ein Stückauftrag zum Thema geht an den Autor Wilhelm Genazino: »Courasche oder Gott lass nach«, die Premiere ist in der Duisburger Gebläsehalle. Dieser Raum ist auch der (ideale) Ort für die Aufführung eines anderen mittelalterlichen Stoffes: »Le vin herbé«. Die Regie für dieses weltliche Oratorium von Frank Martin aus dem Jahr 1941 über den Tristan und Isolde-Stoff übernimmt Willy Decker. Einen Werkauftrag erhält der junge Komponist Jörn Arnecke, der »Unter Eis« vertont, einen Text von Falk Richter, der auch Regie führt. Ebenfalls in der Jahrhunderthalle Bochum: Jan Fabres »Requiem für eine Metamorphose«: Bilder von Tod und Verwesung in einem uferlosen Blumenmeer. Der Tanz ist seit 2002 in jeder Saison eine wichtige Sparte im Programm der Ruhrtriennale. Bei PACT Zollverein kuratiert Stefan Hilterhaus das Programm. Choreograph:innen und ihre Kompanien aus aller Welt feiern Premiere im Ruhrgebiet – wie zum Beispiel 2007 Arbeiten von Wim Vandekeybus oder Trisha Brown.

»Century of Song«, Jahrhunderthalle Bochum, 2007
»Century of Song«, Jahrhunderthalle Bochum, 2007 | © Michael Kneffel
Wilhelm Genazino, Stephanie Mohr: »Courasche oder Gott lass nach«, Gebläsehalle Landschaftspark Duisburg-Nord, 2007
Wilhelm Genazino, Stephanie Mohr: »Courasche oder Gott lass nach«, Gebläsehalle Landschaftspark Duisburg-Nord, 2007 | © Marion Bührle
Frank Martin / Willy Decker / Friedemann Layer / Wolfgang Gussmann: »Le vin herbé «, Gebläsehalle Landschaftspark Duisburg-Nord, 2007
Frank Martin / Willy Decker / Friedemann Layer / Wolfgang Gussmann: »Le vin herbé «, Gebläsehalle Landschaftspark Duisburg-Nord, 2007 | © Clärchen und Matthias Baus
Jörn Arnecke, Falk Richter, Johannes Debus: Titel in »Unter Eis«, Jahrhunderthalle Bochum, 2007
Jörn Arnecke, Falk Richter, Johannes Debus: Titel in »Unter Eis«, Jahrhunderthalle Bochum, 2007 | © Michael Kneffel
Jan Fabre: »Requiem für eine Metamorphose«, Jahrhunderthalle Bochum, 2007
Jan Fabre: »Requiem für eine Metamorphose«, Jahrhunderthalle Bochum, 2007 | © Ursula Kaufmann

2008

Bereits im Jahr 2006 wird Marie Zimmermann als Nachfolgerin für die Jahre 2008-2010 benannt. Doch die Dramaturgin und erfahrene Festivalleiterin stirbt noch während der Vorbereitungen. Das Team um Jürgen Flimm verlängert daraufhin kurzfristig um ein weiteres Jahr. Zum Programm unter dem Titel Aus der Fremde gehören bereits geplante Projekte von Marie Zimmermann, Neuproduktionen, eine Auswahl an Gastspielen, Konzerte der Reihe Century of Song und Lesungen.

In der Duisburger Gebläsehalle baut Christoph Schlingensief die Oberhausener Herz-Jesu-Kirche nach und zelebriert dort seine Lungenkrebsdiagnose als autobiographische Liturgie. Schlingensiefs letzte Arbeit verschränkt radikal und pathetisch Kunst und Religion. Die Arbeit Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir wird 2009 zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. Schorsch Kamerun inszeniert in einem Labyrinth aus milchigen Folientunneln Westwärts. Die Maschinenhalle Zweckel ein Quarantänelager? Sandra Hüller singt und spricht in diesem begehbaren Ausnahmezustand Gedichte und Schriften von Rolf Dieter Brinkmann. Alain Platel ist auch in der Saison 2008 zu Gast bei der Ruhrtriennale. Die Performance pitié. Erbarme Dich! sucht Mitgefühl und Mitleid im Angesicht des Todes und findet dafür berührende Bilder und intensive Momente. Die Fidena ist lange eine Partnerin der Ruhrtriennale. 2008 verbreiten lebensgroße Hasenfiguren in der Figurentheaterperformance Cuniculus. Eine Menschwerdung von Neville Trenter ihren Schrecken bei PACT Zollverein. Viscontis Rocco und seine Brüder wird von Ivo van Hove in der Jahrhunderthalle Bochum inszeniert. Die Geschichte der fünf Brüder erzählt von der Hoffnung auf Glück und der harten Realität der Migration und Entwurzelung: Die Bühne ist ein Boxring. Über den Festivalzeitraum 2008 ist in der Jahrhunderthalle Bochum ein offener Raum für Literatur aufgebaut. In Erinnerung an die verstorbene Festivalleiterin wird dort aus Maries Büchern gelesen.

Christoph Schlingensief, »Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir«, Gebläsehalle, Landschaftspark Duisburg-Nord, 2008
Christoph Schlingensief, »Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir«, Gebläsehalle, Landschaftspark Duisburg-Nord, 2008 | © David Baltze
Katja Eichbaum, Schorsch Kamerun: »Westwärts«, Maschinenhalle, Zeche Zweckel, 2008
Katja Eichbaum, Schorsch Kamerun: »Westwärts«, Maschinenhalle, Zeche Zweckel, 2008 | © Ursula Kaufmann
les ballets C de la B, Alain Platel, Fabrizio Cassol: »pitié! Erbarme dich!«, Jahrhunderthalle Bochum, 2008
les ballets C de la B, Alain Platel, Fabrizio Cassol: »pitié! Erbarme dich!«, Jahrhunderthalle Bochum, 2008 | © Ursula Kaufmann
Neville Tranter: »Cuniculus. Eine Menschwerdung«, PACT Zollverein, 2008
Neville Tranter: »Cuniculus. Eine Menschwerdung«, PACT Zollverein, 2008 | © Michael Kneffel
Ivo van Hove, »Rocco und seine Brüder«, Jahrhunderthalle Bochum, 2008
Ivo van Hove, »Rocco und seine Brüder«, Jahrhunderthalle Bochum, 2008 | © Jan Versweyveld
David Tushingham, Joachim Janner: »Maries Büchern«, Jahrhunderthalle Bochum, 2008
David Tushingham, Joachim Janner: »Maries Büchern«, Jahrhunderthalle Bochum, 2008 | © Birgit Hupfeld

2009

Die Ruhrtriennale folgt ihrem Anspruch auf permanente Erneuerung durch die Wahl des Musiktheaterregisseurs Willy Decker zum dritten Intendanten von 2009-2011. Der bekennende Buddhist ist der erste Festivalleiter, der auch eigene Inszenierungen zeigt. Wie von Hand geschrieben tauchen das Wort Urmomente und ein wie von einem Zen-Meister gemaltes Logo bei der Ruhrtriennale auf. Decker stellt den drei Jahren jeweils ein Wort voran: Aufbruch – Wanderung – Ankunft. Aufbruch sinnt dem Judentum nach, die Wanderung dem Islam und die Ankunft dem Buddhismus. In den von Spiritualität begleiteten Jahren 2009-2011 erscheint manches fern und unbekannt: Derwische, Rituale und Zeremonien, die Mystik der Sufi. Der Aufbruch gelingt Willy Decker zum Start des Festivals 2009 mit seiner Inszenierung von Arnold Schönbergs Moses und Aron in der Jahrhunderthalle Bochum unter Mitwirkung von Chorwerk Ruhr und den Bochumer Symphonikern. Die Leidensgeschichte des Juden Hiob nach Josef Roth gehört sicherlich zu den schönsten Inszenierungen von Regisseur Johan Simons. In Dritte Generation thematisieren zehn junge Spieler:innen aus Deutschland, Israel und Palästina ihre Herkünfte. Yael Ronen inszeniert sie sparsam und direkt. Ein besonderes Konzert stellt Jordi Savall für die Ruhrtriennale mit jüdischen und palästinensischen Musiker:innen und Texten über die dramatische Geschichte einer besonderen Stadt zusammen: Jerusalem. Die Stadt der zwei Frieden.

In der Maschinenhalle Zweckel Gladbeck ist Sing für mich, Tod – ein Ritual für den Komponisten Claude Vivier zu erleben. Viviers Leben und Werk kreiste um Einsamkeit, Angst und um die Suche nach Liebe. Ein fiktives Land in weiter Ferne, fern jeder Zeit – das ist Autland. In diesem Musiktheaterstück trifft Johannes Ockeghems Kanon für 36 Stimmer aus dem 15. Jahrhundert auf Musik der Jetztzeit von Sergej Newski. Von der Ordnung zum Chaos zur Reizüberflutung.

Willy Decker, Bochumer Symphoniker, CHORWERK RUHR: »Moses und Aaron«, Jahrhunderthalle Bochum, 2009
Willy Decker, Bochumer Symphoniker, CHORWERK RUHR: »Moses und Aaron«, Jahrhunderthalle Bochum, 2009 | © Paul Leclaire
Johan Simons: »Hiob«, Jahrhunderthalle Bochum, 2009
Johan Simons: »Hiob«, Jahrhunderthalle Bochum, 2009 | © Ursula Kaufmann
Yael Ronen: »Dritte Generation«, PACT Zollverein, 2009
Yael Ronen: »Dritte Generation«, PACT Zollverein, 2009 | © Ursula Kaufmann
Jordi Savall, La Capella Reial De Catalunya, Hespèrion XXI: »Jerusalem«, Jahrhunderthalle Bochum, 2009
Jordi Savall, La Capella Reial De Catalunya, Hespèrion XXI: »Jerusalem«, Jahrhunderthalle Bochum, 2009 | © Michael Kneffel
Albert Ostermaier, Christoph Poppen, musikFabrik: »Sing für mich Tod«, Maschinenhalle, Zeche Zweckel, 2009
Albert Ostermaier, Christoph Poppen, musikFabrik: »Sing für mich Tod«, Maschinenhalle, Zeche Zweckel, 2009 | © Paul Leclaire
Beate Baron, Sergej Newski und Justyna Jaszczuk: »Autland«, Jahrhunderthalle Bochum, 2009
Beate Baron, Sergej Newski und Justyna Jaszczuk: »Autland«, Jahrhunderthalle Bochum, 2009 | © Michael Kneffel

Die nächsten Jahre erscheinen in Kürze!