Slogan Aufbruch

Wanderung

Die Räume unseres Festivals scheinen ohne Bewegung zu sein, stehen leer und starr, ohne Zweck, in vermeintlich endgültiger Stagnation und Leblosigkeit. Aber es gibt einen Atem in diesen gigantischen Hallen, ein Flüstern, ein leises Fragen nach einem Sinn dessen, was hier war, was ist und was sein wird. Die Hallen ziehen uns in ihre Stille hinein, in eine vibrierende Leere, die einen weiten zweckfreien Raum zur Verfügung stellt, der mit seiner Offenheit - wirklich den Kathedralen ähnlich - in uns den Platz schafft, an dem wir grundlegende Fragen unseres Lebens wieder neu stellen können. Es gibt keine lauten und eindeutigen Antworten auf solche Fragen, und der Weg zu einer möglichen Antwort führt kaum über Worte und Begriffe. Vielleicht kann nur die Kunst mit ihren Bildern und Klängen, mit ihrer die Grenzen von Sinn, Zweck und Bedeutung auflösenden Kraft diesen stummen Fragen, die in den leeren Räumen schwingen, etwas entgegnen. Wir betreten die Hallen und stellen uns ihren Fragen, wir gehen unsere Wege in ihnen, künstlerische, menschliche Wege, und diese Wege beschreiben ein Muster, eine geheime Landkarte. Entscheidend ist die Bewegung, nur in der Bewegung entsteht ein Dialog mit den Räumen, deren Reglosigkeit wir unsere äußere und innere Bewegung entgegensetzen. Unsere Kunst ist Bewegung, ist Wanderung, wie das Leben Wanderung und nie endende Bewegung ist.

In der alltäglichen Welt sind wir es gewohnt, unsere Wege auf ausgewiesenen, befestigten und kartographierten Straßen zu gehen, wir folgen vorgegebenen Richtungen, gelenkt von Wegweisern und Navigationssystemen. Wir schauen und suchen nicht mehr selbst, überlassen uns blind irgendeinem starren Leitsystem. Im entschiedenen Gegensatz dazu sind die Wege, die wir in unseren Industriehallen gehen wollen und die wir auf unserer künstlerischen Suche betreten, nicht sicher und befestigt, nicht vorgezeichnet und ausgewiesen, nicht Teil ausgetretener Systeme. Unsere Wanderung begibt sich auf Wege, die nicht sichtbar sind und die erst entstehen, indem wir sie gehen, wie Spuren in der Wüste, die nur im Moment der Wanderung erscheinen und sofort wieder verwehen. Wir wissen am Beginn des Weges nicht, wie er verlaufen wird und wo genau er endet; es gibt keine Straßenkarte der künstlerischen, der geistigen Wege. Der wichtige, entscheidende Moment des Weges, sozusagen der Urmoment der Wanderung, ist der Augenblick, in dem sich der erste Fuß vor den anderen setzt, der erste Schritt, der den Weg entstehen lässt, indem wir ihn gehen - ins Ungewisse.

In der Triennale 2009 sind wir aufgebrochen, um uns auf die Suche nach dem Wort zu begeben und auf Moses' Spuren jüdischen Gedanken zu folgen. In diesem Jahr 2010 gehen wir auf eine Wanderung, die einen unsichtbaren und noch unerforschten Weg erschließen soll, der zum Anderen, zum Unbekannten, zum Fremden führt, der Brücken begehbar macht und Abgründe überwindet. Diese Wege sind noch auf keiner Karte verzeichnet, sie entstehen nur jetzt, nur hier, ganz neu, im kreativen spontanen Moment des künstlerischen Ereignisses. Unser Weg ist eine geistige Pilgerschaft mit Mitteln der Kunst und betritt das weite, offene und uns doch immer wieder so verschlossene Land der islamischen Kultur.

Reisen, Wanderung und Pilgerschaft sind zentrale Aspekte islamischer Spiritualität, und Bewegung ist ein Mittel der Auflösung des Ich in der Hinwendung zu einem Göttlichen. Bei den Derwischen des Sufi-Ordens ist eine Bewegung, das endlose selbstvergessene Drehen um die eigene Mitte, Ausdruck und Mittel höchster Hingabe und göttlicher Ekstase. Hier überschneidet sich wieder ein spiritueller Urmoment mit dem innersten Kern des Kreativen. Kreativität ist Bewegung, Bewegung ist immer schöpferisch, sie ist das Mittel, sie ist der Ausdruck und sie ist das Ziel jeder künstlerischen Aktivität. Kunst hat eine zentrale Aufgabe: Sie soll bewegen, in der vielfachen Bedeutung dieses Wortes; sie soll durch die eigene ständige Bewegung immer wieder die Impulse geben, die das Denken und Handeln, den Kopf jedes Einzelnen und das Bewusstsein jeglicher Gemeinschaft, sei sie politisch oder religiös, aus der Stagnation und Erstarrung befreien und wieder in die Bewegung hineinwerfen.

Gegen die Behauptung, dass Kunst Täuschung sei, setzen wir die Gewissheit, dass Kunst im Gegenteil Enttäuschung ist, Aufklärung und Richtigstellung verzerrender Illusionen. Die Täuschung ist unser Glaube, die Dinge seien starr, fest, eindeutig und endgültig, und die Kunst muss diese Täuschung immer wieder korrigieren, alles immer neu in Frage stellen, in Bewegung bringen, in die Veränderung, ins Fließen. Deswegen erstarren die Wege der Kunst nie zu festen Straßen, sie bleiben immer in Bewegung, entstehen und vergehen in ständigem Wechsel und im ständigen Vorwärts.

Der vielleicht größte Dichter des islamischen Kulturkreises, Mevlana Dschalal al-Din Rumi, hat in seiner grandiosen, oft ekstatischen Poesie dieses Prinzip des Wandels, der ewigen Bewegung in unvergleichicher Weise thematisiert. Das Selbst und vor allem das Ich ist ständigem Wechsel und unaufhörlicher Verwandlung und Relativierung unterworfen.

Rumis Poesie soll diese Triennale 2010 inspirieren und sein Denken unserer Wanderung die Richtung geben: »Bisweilen sind wir sichtbar / bisweilen verborgen / bisweilen Muslime, Christen oder Juden / wir durchlaufen viele Formen / bis unser Herz Zufluchtsstätte für alle wird.«

Willy Decker
Intendant der Ruhrtriennale 2009 - 2011